Ein Gespräch zwischen dem Designer Konstantin Grcic sowie den Unternehmern Elmar und Frederik Flötotto über Entwicklung, Produktion und Einsatzmöglichkeiten von PRO

"Mit PRO haben wir die Möglichkeit gesehen, einen sinnvollen Stuhl zu entwickeln."

Elmar Flötotto

Frage: Der Startschuss für das Projekt PRO war bei Flötotto die Idee, wieder an die Produktion von Schulmöbeln anzuknüpfen. Entstanden ist nach über zwei Jahren Entwicklungszeit eine universelle Stuhl-Kollektion, die in vielen Bereichen eingesetzt werden kann. Wie kam es dazu?


Elmar Flötotto: Nach dem Erwerb der FLÖTOTTO-Markenrechte durch die Elmar Flötotto Holding und nach vielen Gesprächen mit Kunden, Lieferanten und Meinungsmultiplikatoren kam seit dem Jahr 2008 immer wieder das Gespräch auf den legendären Schulstuhl von Flötotto. Da die Produktrechte bei Dritten liegen, diese aber nur verwaltet und nicht weiterentwickelt wurden, wurde uns klar, dass wir ein Zeichen setzen mussten. Wir wollten den innovativen Stuhl für den Bildungsbereich wieder bei Flötotto produzieren. Dass sich daraus später ein noch größeres Projekt entwickeln würde, war am Anfang zumindest nicht geplant.


Frederik Flötotto: Ein Impuls, der uns bestätigt hat, war für uns auch der im Frühjahr 2010 von Thomas Bärnthaler im SZ Magazin veröffentlichte Bericht „Versetzung gefährdet“, in dem er die Inneneinrichtung von deutschen Schulen einer kritischen Betrachtung unterzog und zu extrem negativen Ergebnissen gab. Er forderte eine Gestaltung, die zu einer Lösung des Problems beitragen sollte. Wir waren bereits in der Entwicklung und fühlten uns dadurch noch einmal bestätigt.


Frage: Dachten Sie gleich an Konstantin Grcic als Designer für dieses Projekt?


Elmar Flötotto: Wir haben uns natürlich von Anfang an mit dem Thema Design auseinandergesetzt. Wer kann die geforderten Funktionen in einem Stuhl vereinen? Wer beherrscht die Reduktion? Wer hat das Empfinden für solch eine komplexe Aufgabe? Für meinen Sohn Frederik und mich gab es nach kurzer Überlegung nur einen Designer, der all dies zu leisten imstande ist: Konstantin Grcic. Wir haben auch nur ihn gefragt, und er hat zugestimmt.


Konstantin Grcic: Ich fand das Schulmöbelprojekt spannend und war sofort begeistert, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich hatte das Gefühl, dass wir mit einer offenen Herangehensweise und kritischen Designhaltung hier wirklich etwas bewirken können. Wir haben die Möglichkeit gesehen, mit PRO einen wirklich sinnvollen und zeitgemäßen Stuhl zu entwickeln.


Frage: Was war an dem Thema, Schulmöbel zu entwickeln, so interessant?


Konstantin Grcic: Mich hat vor allem die Typologie dieser Art von Möbeln interessiert – es gibt ja sehr schöne alte Schulstühle, die mit den Jahren nichts von ihrem Charme verloren haben. Beim Thema Schulmöbel gibt es viele Normen bzw. Bedingungen, die es zu erfüllen gilt. Man muss innerhalb sehr enger Leitplanken arbeiten, was häufig dazu führt, dass die Möbel zu "clever" werden und somit ihren Reiz verlieren.

 

Frage: Welche Herausforderungen gab es für das Unternehmen im Laufe des Entwicklungsprozesses
zu bewältigen?


Konstantin Grcic: Wir haben uns sehr intensiv mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen im Bereich Schulmobiliar beschäftigt. In den vergangenen Jahren gab es verschiedene Studien im Bezug auf Schulmöbel, doch der Markt hat noch nicht darauf reagiert, deshalb wollten und mussten wir reagieren. Die Kernfrage dieser jüngeren Studien lautet: „Wie kann die Lernbereitschaft von Kindern durch Möbel gefördert werden?“. Heute weiß man, dass Konzentration durch ein “dynamisches Sitzen“, sprich: Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zur Bewegung, gefördert wird.


Frage: Welche Auswirkungen hatten diese Erkenntnisse?


Elmar Flötotto: Die Reaktion auf die Erkenntnisse manifestieren sich im Endergebnis in dem hervorragenden Design, dem großen Sitzkomfort und der Anpassungsfähigkeit des Stuhles an viele Raumsituationen. PRO ist überall einsetzbar: in der Schule, im Objekt und im privaten Wohnbereich.

 

Konstantin Grcic: Unsere Sitzschale geht auf diese neuesten Erkenntnisse ein – zum Beispiel mit ihrer kreisrunden Sitzfläche, die Bewegung in alle Richtungen zulässt. Die eher schmale Rückenlehne ermöglicht seitliche Bewegungen. Durch Ihre Flexibilität und den S-förmigen Schwung gibt sie beim Zurücklehnen nach, bietet aber immer noch eine sehr gute Unterstützung. Die neue Schale hat in ihrer Form etwas Freundliches, Weiches, ist „positiv“. Im Kontext der Schule ist sie eine passende Schale für einen Schulstuhl, aber außerhalb der Schule erinnert sie nicht an Schule – wir haben da einen Spagat gemacht, der sich ganz natürlich vollzogen hat. PRO ist im Vergleich zu anderen Schulstühlen leichter und zeitgemäßer. Meiner Meinung nach hat der „Schulstuhl“ als solcher damit ein Update erfahren.


Frage: Warum kam nicht Pag-Holz zum Einsatz? Mit diesem Material hatte man doch bei Flötotto großen Erfolg?

 

Konstantin Grcic: Pag-Holz ist ein interessantes Material, das sehr widerstandsfähig ist. Allerdings bietet es wenig gestalterischen Freiheit, weil man es, wie bei Formholz typisch, eigentlich nur zweidimensional verformen kann. Wir haben von Anfang an angestrebt, einen modernen, kostengünstigen und damit wettbewerbsfähigen Stuhl zu entwickeln und herzustellen – mit einem Material, das alle Möglichkeiten bietet. So hat sich das Projekt ab einem gewissen Punkt ganz natürlich in Richtung Kunststoffspritzguss entwickelt, obwohl diese Entscheidung deutlich höhere Werkzeugkosten bedeutete.

Die Familie Flötotto hat diesen Entschluss mitgetragen, das hat mich beeindruckt und mir gezeigt, wie sehr sie an das Projekt glauben. Wir haben intensiv in die Möglichkeiten nicht fossiler Kunststoffe recherchiert, mussten aber feststellen, dass derartige Materialien für unsere spezielle Anwendung zwar mit Hochdruck entwickelt werden, aber noch nicht serienreif verfügbar sind. Durch die intelligente, extrem dreidimensionale Formgebung ist es uns schließlich gelungen, die Sitzschale so zu konstruieren, dass wir sie aus 100% reinem Polypropylen herstellen können, das heißt ohne Fiberglas-Zusatz.


Frederik Flötotto: Der Gedanke einer nachhaltigen Herstellung ist uns sehr wichtig. Auf jeden Fall wollen wir von unserem Kunden als innovative Marke gesehen werden, und dazu gehören selbstverständlich eine effiziente Fertigung und ein nachhaltiger Umgang mit Materialien und Ressourcen. So erzeugen wir an unserem Produktionsstandort den gesamten für die Fertigung notwendigen Strom mit Hilfe einer eigenen Photovoltaik-Anlage.

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