Das letzte Wort hat: Frederik Flötotto

 

Design im Chefbüro

 

Ein lichtdurchfluteter Raum mit dezent-grauem Bodenbelag, ein großer weißer Schreibtisch direkt am Panoramafenster, nah herangerückt der gepolsterte schwarze Bürostuhl, von dem aus der Blick weder über allzu große Papierstapel gleitet, noch an unverchromten Accessoires hängen bleibt: Das Klischee des Chefbüros, von dem aus an Elbe, Rhein, Isar oder Spree das Konzerngeschehen geleitet wird, hält sich hartnäckig. Kaum eine Familiensaga im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, kein Wirtschaftsthriller auf privaten Kanälen kommt heute ohne einen Patriarchen aus, in dessen heiliger Halle um Aktien und Anteile geschachert wird. Dabei sind die dort ausgestellten, stereotypen Insignien milliardenschwerer Macht stets die gleichen. Ob eine Arco-Stehleuchte von Achille Castiglioni, die mit ihrem über 60 kg schweren Carrara-Marmorblock leider mittlerweile zum sicheren Aushängeschild arrivierter Designkennerschaft avanciert ist, oder ein Montblanc-Meisterstück, das dekorativ abgelegt wurde – eher selten finden sich für die Öffentlichkeit unbekannte Designklassiker wie beispielsweise der Egon-Eiermann-Tisch oder der Home-Desk von George Nelson (Vitra) im Portfolio der Szenenbildner.

 

Mobiliar zum Lernen, Studieren und Arbeiten unterliegt nicht nur dem Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, den Produktionsmöglichkeiten und technologischen Innovationen und somit einer sich verändernden Designsprache, sondern auch seiner Rezeption. Was Ende der 1950er Jahre in „niederen“ Amtsstuben mit Holztischen und -stühlen, gelehnt an blecherne Aktenschränke und geduckt unter grünbefilzten Schreibtischunterlagen begann, wurde in dem Heinz-Erhardt-Klassiker „Was ist denn bloß mit Willi los?“ (1970) zum Beginn der Persiflagen auf Finanzbeamte und ihre staubtrockene Arbeitsumgebung, der man durch Verweigerung schnellstmöglich zu entrinnen suchte. Und lange vor Stromberg und Co. flimmerte mit der Vorabendserie „Büro, Büro“ (1981–1992) das Leiden der Olivetti-Benutzer in westdeutsche Wohnzimmer und legte den Grundstein für Indiskretionen und Intrigen rund um den Arbeitsalltag. Was man auch hier nicht sah: die Idee einer sich verändernden Schreibtischarbeit, weg von starren Plätzen hin zu modularen „Work-Spaces“, die vor allem im US-amerikanischen Raum und in Kreativschmieden der Werbewirtschaft zu finden waren und fahrbare Bürokomponenten wie „Mobil“ von Antonio Citterio und Glen Oliver Löw für Kartell zu ihrem Markenzeichen machten.

 

Obgleich zu allen Zeiten bereits zahlreiche Großraumbüros und Konferenzräume mit dem Profilsystem von Flötotto eingerichtet wurden, das 2012 seinen 40. Geburtstag feierte und mit seinem Baukastenprinzip zunächst in deutschen Wohnräumen seinen Erfolg begann, ist mir leider kein Film bekannt, in dem unser Klassiker eine Hauptrolle spielte. Möglicherweise wurde dem Pagholzstuhl, 1952 konzipiert für Schulen und mit mehr als 21 Millionen verkauften Exemplaren, eine Statistenrolle zuteil – Jugendfilme, in denen Schüler auf ihren Sitzen kippeln und schaukeln wie einst der Zappel-Philipp, beispielsweise „Das fliegende Klassenzimmer“ oder „Breakfast Club“, könnten hierfür zumindest spannende Quellen sein und haben uns inspiriert, der Frage nach der Zukunft des Arbeitens und Lernens höchste Priorität einzuräumen. Das Ergebnis ist die von Konstantin Grcic entwickelte Stuhl-Kollektion PRO, die explizit zum Positionswechsel einlädt und dem Vorurteil des gesunden Stillsitzens Einhalt gebietet. Denn nur wer in Bewegung bleibt, lernt Denken, und wer denkt, bewegt etwas.

 

Und doch ist anzumerken: Was als Setting mit Wohnflair versprühendem Büromobiliar auf Fachmessen wie der Orgatec oder in eher lifestyleorientieren Präsentationen auf der Mailänder Möbelmesse dargeboten wird, findet noch zu selten Eingang in den Büroalltag – sei es den „realen“ und somit auch den „fiktiven“, der wiederum in den realen zurückspiegelt. Wichtig ist die Beobachtung, die Expedition zu den Schreibtischen der Arbeitswelt, um Schreibtischentwürfe ohne Bezug zu vermeiden. Wer bei empirischer Sozialforschung jetzt zusammenschreckt, dem sei ein Team international renommierter Designer und Ingenieure empfohlen, die sich mit flexiblen Anforderungen im weltweiten Markt beschäftigen. Denn einen Schönheitsfehler, verankert im kulturellen Verständnis westlicher Traditionen, hat das zu Beginn skizzierte Chefbüro auch ohne Kritik am Mobiliar: Es handelt sich um einen nach japanischem Verständnis „madogiwa zoku“ – einen unnützen Fenstergucker mit Scheinaufgaben ...

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