Das letzte Wort hat: Frederik Flötotto

 

Das Sitzen

 

Sitzen Sie schon – wieder? Dann lehnen Sie sich doch bitte für einen Moment entspannt zurück und lassen Sie uns gemeinsam ein bisschen nachdenken. Über das Sitzen – denn wir  tun es täglich, im Durchschnitt bis zu 9,3 Stunden lang. Am Schreibtisch, am Esstisch, vor dem Fernseher, in Auto, Bus und Bahn – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

 

Tiere stehen, hocken, laufen, liegen. Wir auch – aber darüber hinaus sitzen wir auch. Dabei ist diese Tätigkeit für den Homo Sapiens alles andere als förderlich für die Gesundheit. Viele der heutigen Volkskrankheiten resultieren aus der Tatsache, dass wir mehr sitzen als gehen oder stehen. Was rechtfertigt das viele Sitzen und wie kam es zu dieser Kulturtechnik?

 

Das Möbel, das uns den bequemen Sitz ermöglicht, ist eine kulturgeschichtliche Errungenschaft. Erste Belege reichen mehr als 8.000 Jahre zurück. Das allmähliche Sesshaftwerden und die Aneignung von handwerklich anspruchsvollen Fertigkeiten wie zum Beispiel das Schnitzen von Elfenbeinfiguren – eine äußerst diffizile und zeitaufwändige Arbeit – haben die Entwicklung von Sitzmöbeln bzw. deren Vorläufern vorangetrieben.

 

Sitzmöbel hatten von Anfang an eine ganz praktische, funktionale Dimension: Bis heute lassen sich viele unserer alltäglichen Handlungen am besten sitzend ausführen. Aber auch Macht und eine privilegierte Stellung ließen und lassen sich mittels der Art des Sitzes wunderbar unterstreichen. Man denke dabei nur an die zumeist opulent verzierten Thronstühle, die, überdimensioniert und auf einem Podest platziert, jedem Bittsteller seine Abhängigkeit vom Wohlwollen des Throninhabers verdeutlichen.

 

Auch heute noch definiert der Stuhl die Person, die darauf sitzt. Das zeigt sich vor allem in der Bürowelt, die trotz neuartiger Arbeitsmodelle oft noch streng hierarchisch strukturiert ist. Die Range an Stuhlmodellen reicht hier vom Executive Chair über den Besuchersessel bis hin zum „einfacheren“ Mitarbeiter-Bürostuhl. Design, Material und Verarbeitung sind in der Bürowelt weitere Insignien des Erfolgs, des Status und des guten Geschmacks – und geben ganz nebenbei auch Auskunft über die Büro- und Unternehmenskultur.

 

Warum aber nur sind so viele Wörter rund um das Sitzen so negativ konnotiert? Vom „Sitzenbleiben“ in der Schule, über das „Sitzengelassen werden“ bis hin zum „Einsitzen“. Ganz zu schweigen von dem berühmten „Aussitzen“ von Problemen. Könnte das damit zusammenhängen, dass mit dem Sitzen gemeinhin eine gewisse Behäbigkeit, wenn nicht gar Untätigkeit assoziiert wird?

 

In unserer mobilen, hektischen Welt haben wir in unserem Unternehmen gegen dieses Image nun einen neuen Trend entwickelt: das dynamische Sitzen! Stellen Sie sich dabei aber bitte keinen Zappelphilipp vor, der nicht eine Sekunde still sitzen kann. Beim dynamischen Sitzen geht es darum, die Sitzposition so oft wie möglich zu wechseln – aus der mittleren aktiven in die vordere bzw. hintere Sitzhaltung –, um so die Wirbelsäule permanent zu entlasten. Besonders im Büroalltag kann diese Form des Sitzens dazu beitragen, eine schlechte Rückenhaltung und die daraus bedingten Erkrankungen zu reduzieren.

 

Konstantin Grcic, einer der wichtigsten Vertreter des zeitgenössischen Industriedesigns, sieht das so: „Sitzen bedeutet in vielen Situationen: Man ist in Bewegung. Mich interessiert, wie lange man wo in welcher Haltung sitzt. Da geht es um Beweglichkeit und innere Haltung“. Für uns hat er den Schul- und Objektstuhl PRO entwickelt, der ganz ohne Hebel und Verstellmöglichkeiten auskommt, mit denen ergonomische Stühle so reichhaltig bestückt sind. Eine runde Sitzschale und eine schmale Rückenlehne ermöglichen größtmögliche Bewegungsfreiheit. Und so überrascht es nicht, dass dieses Modell auch außerhalb der Schule funktioniert und international große Beachtung findet.

 

Im Moment, während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich natürlich. Und ich sitze gerne. Ich bin ein bekennender Sitzender. Am liebsten sitze ich mit dynamischen Menschen zusammen, die mit mir über das Leben im Allgemeinen und das Sitzen im Besonderen philosophieren, dabei auch gedanklich höchst beweglich sind und die, ebenso wie ich, denen Respekt zollen, die es fertig bringen, das älteste Möbel der Welt immer besser zu machen: die Designer.

 

Und was tun Sie am liebsten im Sitzen?

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