Das letzte Wort hat: Frederik Flötotto

 

DAS BÜRO

 

Stopp! Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und heben Ihren Blick von diesem Artikel auf den Schreibtisch vor Ihnen: Was fällt als erstes ins Auge, ich rate – wahrscheinlich ein Computer oder Laptop, ein Telefon, Utensilien wie Tacker, Stifte, Aktenmappen? Und darüber hinaus? Welchen persönlichen, welcher verschämt versteckte Gimmick schaut hinter Ihrem Bildschirm hervor? Haben Sie Familienfotos auf der Tischplatte angeordnet? Oder ist alles für Besucher unsichtbar in konforme Bisley-Schubladen gepackt? Mögen Sie Zimmerpflanzen? Herrscht das Chaos oder die cleane Struktur von Klarsichthüllen?

 

Eine Menge Fragen, die Sie sich wahrscheinlich nicht jeden Morgen bei Eintritt in Ihr Bürozimmer stellen. Manche Dinge ergeben sich bereits aus der Hierarchie Ihrer Stellung am Arbeitsplatz, denn ob Großraumbüro oder Einzelzimmer ist sicher in den seltensten Fällen einem Wunschkonzert geschuldet. Die anderen Dinge benötigen Sie, um effizient, zielgerichtet und ergebnisorientiert arbeiten zu können. Wer sucht schon gerne einen Locher im Umkreis von mehreren Metern? Das Ambiente jedoch, die ganz kleinen individuellen Freiheiten, die Dinge, die Ihren Arbeitsplatz so unverwechselbar machen, sie sind es, denen das Interesse einer an der Köln International Schoof of Design (KISD) durchgeführten Studie galt. Prof. Dr. Uta Brandes und Prof. Dr. Michael Erlhoff untersuchten mit Ihren Studierenden in 11 Ländern vornehmlich die Schreibtische von Designern und Architekten, unterschieden u.a. in regionale und kulturelle, geschäftliche und auch gender-bezogene Beobachtungen. Zusammengefasst sind die Ergebnisse in der Publikation „My Desk is my Castle“, erschienen 2011 im Birkhäuser Verlag.

 

Denn ein Schreibtisch ist nicht einfach ein Schreibtisch. Das digitale Zeitalter, das uns zu weniger Bewegung und überwiegend sitzender Tätigkeit verdammt, tut flexibel und modular – und ist in den meisten Fällen doch von Stuhl und Tisch bestimmt. Eine enge, oftmals Stunden andauernde Beziehung, die gestaltet sein will. So erleben die meisten „Büroarbeiter“ ihren Schreibtisch nicht als reines, funktionales Arbeitswerkzeug. Sie haben eine innige, eine subjektiv-emotionale Beziehung zu ihrem Platz, eine Art Territorium, das Wünsche, Vorlieben und Ängste widerspiegelt. Nicht zuletzt, da es sich ja nicht um „neutrale“ Wesen, sondern um Individuen mit einem soziokulturellem Hintergrund und einer Vorstellung ihres Ich am Arbeitsplatz handelt.

 

Dabei muss zunächst einmal unterschieden werden zwischen einem quasi öffentlichen Schreibtisch, beispielsweise dem in einer Bank, an den ein Kunde ohne Weiteres herantreten kann. Oder ein Schreibtisch in einem Designbüro, der aufgrund seiner administrativen Nutzung nur von ihm und den Kollegen in Augenschein genommen wird.

Die Studie von Brandes und Erlhoff befasst sich in so genannten Clustern mit den Dingen, die auf den Arbeitsplatten arrangiert werden: a) Pflanzen, b) Kunst, Spaß- und Erinnerungsstücke, c) Produkte aus dem Schönheits- und Gesundheitssektor, d) „Life Accessoires“ wie beispielsweise Mobiltelefone, Schlüssel etc., e) Essen und Trinken, f) Spielzeuge und Figuren, g) bizzare „Spezialprodukte“ wie Trophäen usw. und nicht zuletzt die Kategorie h), in der sich Produkte finden, sie zur Verbesserung des täglichen Arbeitslebens eigens und privat angeschafft wurden. Hätten Sie gedacht, dass sich das Sammelsurium auf Ihrem Schreibtisch alleine nach diesen Kriterien gliedern lassen könnte?

 

Der minimale Raum, der in asiatischen Büros und Wohngebäuden herrscht, führt dazu, dass der Arbeitsplatz, der kaum mit Betonwänden von einem Schlafzimmer oder aber einem anderen Arbeitsraum abgetrennt wird, gleichzeitig als Sichtschutz vor den Blicken anderer dient. So werden in Großraumbüros kleine Inseln geschaffen, deren Wände aus privaten Fotos und Postern bestehen und dessen Theken mit kleinen Miniaturfiguren quasi separiert werden. Bemerkenswert: In Brasilien gehören religiöse Symbole wie Heiligenbildchen oder Engelfiguren zur Alltagskultur und werden offen platziert – kaum denkbar in Deutschland, wo Diskussionen und Gerichtsurteile über Kruzifixe in Schulen an der Tagesordnung sind.

 

Die Fotos, die Studierende der KISD und Partnerschulen rund um den Globus gemacht haben, lohnen schon allein die Lektüre der (in englischer Sprache) erschienenen Studie. Was in Europa als Kitsch und Überraschungsei-Niveau billiger Plastikfiguren abgetan würde, inspiriert Gestalter asiatischer Länder und beflügelt ihre Kreativität. So einfach ist also das Design einer modularen, für alle Büros einsetzbaren Arbeitsstation nicht – denn die Individualisierung des Arbeitsplatzes ist eine nicht zu vernachlässigende Größe, und wer will schon jeden Abend sein privates Hab und Gut in eine Tasche packen?

 

Es stellt sich sicher die Frage nach der Balance zwischen Individualität und Konformität, wenn in Unternehmen das Corporate Design auch auf Schreibtische der Mitarbeiter übertragen wird. Wieviel Privates ist erlaubt, wieviel Intimität darf ein Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber zumuten – und wo werden Grenzen, wie bereits erwähnt, auch im Kundenkontakt sichtbar gemacht?

 

„My Desk is my Castle“ ist also nur bedingt umsetzbar und eine Herausforderung für Designer und Hersteller rund um das Thema Büro – gerade aus diesem Grund lohnt die Lektüre des Buches auf unterschiedlichen Ebenen.

 

Und was stecken Sie heute Abend von der Schreibtischplatte in Ihre Schublade…?

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